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2020


CORONA

Aus aktuellem Anlass finden bis auf weiteres keine Veranstaltungen in der galerie drei statt.

 


MOOR | Geschützte Erde

Rita Geißler | Dorothee Kubandner | Ines Margret Lenke | Gabriele Seitz

21.03. – 07.05.2020

 

entfällt:

Eröffnung am Freitag, 20.03.2020, 19.30 Uhr

Einführung: Karin Weber | Musik: Peter Koch [Violoncello]

Dokumentarfilm „Magie der Moore“ von Jan Haft, Freitag, den 03.04.2020, 19.30 Uhr

 

Künstlerinnengespräch am Samstag, 25.04.2020, 11.00 Uhr

 

Kabinettausstellung: Moritzburger Impressionen – Performance zum Kunstsommer Friedewald Rotes Haus

 

Einladung als PDF

 Gabriele Seitz   MoorRita Geisler  Im Anklamer StadtbruchDorothee Kuhbandner  SchwäneInes Margret Lenke  Moor

Vier Künstlerinnen sind mit dem künstlerischen Grundanliegen, der Auseinandersetzung mit natürlichen Landschafträumen befasst. Seit einigen Jahren ist es das Biotop Moor, das in seiner natürlichen wie landschaftlichen Ausprägung auf alle vier Künstlerinnen eine wachsende Faszination ausübt und neben der künstlerischen Anregung auch ihr Verantwortungsgefühl und Engagement für diesen sensiblen und bedrohten Naturraum erwachen ließ. Da das Moor als Klimaschützer viel mehr in das Bewusstsein der Menschen rücken sollte, ist dieses Thema gerade jetzt auch in ökologischer Hinsicht höchst brisant. Das Naturschutzgebiet „Anklamer Stadtbruch“ ist einer der Orte. Hier fanden sie sich zu Plenairs zusammen, um mit den künstlerischen Medien Zeichnung, Malerei, Grafik, Fotografie und Objektkunst diesen Raum zu erkunden und abzubilden. Die Eigenheiten, die Schönheit und der Reichtum an Flora und Fauna dieses Naturraumes sind in dieser  Werkpräsentation mittels dieser vier verschiedenen künstlerischen Positionen eindrücklich wiedergegeben.

 

Rita Geißler (* 1961 in Dresden) studierte von 1982 bis 1988  Malerei und Grafik an der HfBK Dresden. Insbesondere in der grafischen Tiefdrucktechnik Radierung/Kaltnadel findet sie ihre ganz eigene künstlerische Sprache, die besticht durch ein konzentriertes Ausloten von Schwarz auf Weiß. Ihre auf das Wesentliche reduzierten abgebildeten Naturräume erhalten so eine meditative Wirkung. Zahlreiche Ausstellungen und Preise bestätigen anerkennend die Qualität ihrer bildkünstlerischen Auseinandersetzung.

 

Dorothee Kuhbandner (*1964 in Dresden) ist erst seit 2010 freiberuflich künstlerisch tätig, war, wie sie erklärt, trotz eines Lebensweges mit immer wieder neuen beruflichen Orientierungen und Selbstfindungen im Leben stets der Kunst aktiv zugewandt. In verschiedenen Kunstkursen und im Selbststudium erarbeitete sie sich Kenntnisse in den künstlerischen Medien Malerei und Grafik. Der Landschaftsraum ist auch für sie ein wichtiges Motiv, sich mit den Daseinsformen bildnerisch auseinanderzusetzen und kommt dabei zu teils expressiven wie verspielt naiven Bildfindungen. Sie selbst bezeichnet ihren Stil  als ‚Dorealismus‘.

 

Ines Margret Lenke (*1955 in Zeitz) studierte 1977 bis 1981 an der PH Dresden Kunst und Germanistik. Bis 2019 war sie als Lehrerin und Kunstpädagogin tätig und verwirklichte insbesondere mit den Schülern zahlreiche Kunstprojekte insbesondere in Auseinandersetzung mit Landschaftsräumen . Die eigene künstlerische Arbeit betrieb sie weiter parallel zu ihrem Lehrauftrag am Gymnasium. Ihre bildkünstlerischen Medien sind malerei, Grafik, Collage, Plastik und Fotografie. Das Experiment mit unterschiedlichen Naturmaterialien, Fundstücken, Pigmenten und Erden mit und auf Papier bestimmen ihre zumeist offenen Formfindungen und ihre bildnerische Ästhetik.

 

Gabriele Seitz (*1951 in Furth im Wald) gelangt erst über Umwegen zur künstlerischen Auseinandersetzung mit der Fotografie. Auch ihr Arbeitsleben war bestimmt von verschiedenen Richtungswechseln und damit verbundenen Qualifikationen. Seit 1997 wandte  sie sich dem fotografischen Medium zu und beschäftigte sich mit der Porträtfotografie. 2015 wurde sie von Rita Geißler und Dorothee Kuhbandner erstmals mit zu den Plenairs im „Anklamer Stadtbruch“ eingeladen. Tief beeindruckt von der Moorlandschaft findet sie in fotografischer Auseinandersetzung mit diesem Naturbiotop zu neuen Ausdrucksmöglichkeiten. 

Rita Geisler   Sumpfiger TümpelGabriele Seitz  MoorInes Magret Lenke  Stimmung

Erlebnisbericht von Gabriele Seitz

Die Künstlerinnen Dorothee Kuhbandner und Rita Geißler nahmen mich im Jahr 2015 für einige Tage mit in das Naturschutzgebiet „Anklamer Stadtbruch“, wo sie bereits mehrmals beim Malen waren. Vom ersten Augenblick an war ich begeistert und fasziniert von dieser ganz eigenen Welt der Moorrevitalisierung. Von kilometerlangen sich hinziehenden Baumskeletten im Moorwasser, von Urwaldriesen, die sich dem Wasser zuneigen, brechen und versinken oder Brücken bilden, von wegelosen Labyrinthen, schwimmenden Blumenteppichen, kleinen Inseln, von Schwanenfamilien, die gemächlich zwischen den geisterhaft wirkenden Stämmen hindurch gleiten, von brütenden Kormoranen, Bibern, vom Sumpfland, von der Stille und Abgeschiedenheit.

Nach langem Alleinmarsch mit meiner Fotoausrüstung auf dem Einkaufswagengestell über den schmalen steinigen Dammweg im Anklamer Stadtbruch, begleitet von wiederkehrenden Baumstümpfen, die vom Biber frisch bearbeitet waren, von ununterbrochenen vielstimmigen Froschquaken aus dem Wassergraben des Moores zu meiner Rechten, kamen die Schreie der Kormorane, die ich unbedingt erleben wollte, immer näher bis ich die Kolonien dieser großen Vögel erreicht hatte. Auf unzähligen toten Bäumen, die im Wasser stehen, bauen die Kormorane ihre Nester in die noch verbliebenen nackten Astgabeln, legen ihre Eier, brüten und ziehen ihre Jungen groß. Was hinunterfällt, ist verloren. Welch ohrenbetäubender Lärm, wenn die vielen Eltern von der Futtersuche zu ihren Nestern zurückkehren, um die hungrigen Mäuler zu stopfen. Doro und Rita waren weit weg beim Malen, und ich konnte mich von diesem Schauspiel, das sich mir bot, nicht losreißen. Auf halber Strecke kamen mir später die Künstlerinnen entgegen als sie ihre Arbeit beendet hatten und mich vermissten.

An einem anderen Tag schritten wir mutig im nahegelegenen „Geisterwald“ – so nannten wir ihn – voran, wo wir frische Wildschweinkuhlen neben dem dichten Waldweg entdeckten, aus denen die Frischlinge unserer Schritte wegen gerade geflüchtet sein müssen. Ein Huschen hatte ich noch mitbekommen. Da es leicht regnete und ich so nicht fotografieren wollte, stieg ich auf den Hochsitz und beobachtete mit Sorge, ob die Wildschwein-Mutter zurückkehrt, während Doro und Rita unter ihrem Schirm am Weg vor einem Sumpf mit schwimmenden Blüten-Teppichen malten.

Nach diesen und weiteren Erlebnissen im Moorgebiet besorgte ich mir zu Hause Bücher zum Thema Moor und wissenschaftliche Berichte über die Moorrevitalisierung. Im Internet und in meinem Kormoran-Buch erfuhr ich zum Beispiel, dass 2005 im Anklamer Stadtbruch ein regelrechtes Massaker stattgefunden hat. Es wurden 7000 Kormorane während der Brutzeit erschossen. Welch schreckliche und sinnlose Tat! NABU und LBV haben daraufhin 2010 den Kormoran zum Vogel des Jahres gewählt, da kein Anlass bestehe, die Vögel abzuschießen. Es solle vielmehr ein Umdenken einsetzen, diesen Vogel „als natürlichen Bestandteil unserer Gewässerökosysteme zu akzeptieren“, sprach der NABU-Landesvorsitzende Stefan Schwill.

Ein wichtiger Punkt des Moor-Themas ist uns die Rückgewinnung vieler Vögel und Pflanzenarten, die es vor dem Torfabbau gegeben hat. Laut dem Vogelexperten Prof. Dr. Peter Berthold hat Deutschland seit 1850 60% der damaligen Vogeldichte verloren. In den letzten 30 Jahren ist die Vogeldichte nochmals um 20% zurückgegangen. Prof. Dr. Berthold hat 60 Jahre lang als Wissenschaftler und viele Jahre als Direktor in der Vogelwarte Rudolfzell gearbeitet, eine große Anzahl von Auszeichnungen erhalten, viele Bücher und wissenschaftliche Artikel geschrieben und hervorragende Vorträge gehalten. Nach seiner Emeritierung setzt er sich weiterhin für die Vogelwelt ein, u.a. mit dem Thema „Jeder Gemeinde ihr Biotop“.

 

Historischer Rückblick über den „Anklamer Stadtbruch“

Im Mündungsgebiet der Peene in Mecklenburg-Vorpommern entstand vor Jahrtausenden nach der Eiszeit ein weites Moorgebiet. Bereits im 18. Jahrhundert wurde durch die intensive Landnutzung mehr als 50% der Moorfläche entwässert. Torf wurde zur Brenn- und Energiegewinnung abgebaut, anfangs per Handstiche, später mit Maschinen, die dem Boden sehr geschadet haben. Im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft Ende der 1960er Jahre wurden Moore großflächig und tiefgründig entwässert und intensiv landwirtschaftlich bewirtschaftet. Das hatte einen dramatischen Rückgang von beinahe allen Pflanzen- und Tierarten, die an Moore gebunden sind, zur Folge. Moore verloren ihre Fähigkeit, als „Nieren der Landschaft“ Wasser und Stoffe zu speichern. Der durchschnittliche Torfzuwachs beträgt pro Jahr nur 0,5 bis 1,5 mm! In kleineren ökologisch wertvollen Gebieten wie dem „Anklamer Stadtbruch“ mit einer Gesamtfläche von ca. 1800 ha, mit etwa 1230 ha Waldfläche – Deutschlands größtem Moorwald – in diesem Gebiet wird inzwischen der Natur Raum gelassen, um die früheren ökologisch stabilen Verhältnisse eines Mündungsmoores wieder herzustellen. Teilbereiche wurden schon 1935 unter Schutz gestellt, erweitert wurde er 1937 und 1964. Die Schutzanordnung erging 1967. Seit dem Jahr 2000 gibt es ein politisch legitimiertes Moorschutzkonzept. Mecklenburg-Vorpommern hat im bundesweiten und internationalen Vergleich eine Vorreiterrolle beim Moorschutz eingenommen. Allein wegen der Größe und Weitläufigkeit des Gebietes ist die Wiedervernässung der Moore dort einzigartig in Mitteleuropa. Bis heute entstanden in diesem Naturschutzgebiet des NABU im „Anklamer Stadtbruch“ wertvolle Lebensräume für eine artenreiche hochspezialisierte Tier- und Pflanzenwelt, für eine vielfältige Flora und Fauna. Es gibt im Schutzgebiet Bruchwälder mit Flattergras, Gemeine Esche und Erle. Es wachsen Torfmoose, Schnabelseggen und Birken, Königsfarn, Gagel und Gilbweiderich. Auf dem ganzen Areal sind viele Schmetterlingsarten zu entdecken, wie etwa der Moorwiesen-Striemenspanner, der Enzian-Bläuling und 100 Brutvogelarten, z. B. der Seeadler, Rot- und Schwarzmilan, Wespenbussard, Kranich, Wendehals, Karmingimpel. Fischotter und Biber fühlen sich wohl. Moorrevitalisierung ist ein wichtiger Beitrag zum Klima-, Wasser- und Bodenschutz und zur Wiederansiedlung verlorengegangener Vogelarten und Pflanzen. 2018 erwarb die NABU-Stiftung 1.360 ha dieser wertvollen Wildnis, um sie vor neuen wirtschaftlichen Nutzungsinteressen und vor der intensiven Jagd zu bewahren. Inzwischen wurde in Bugewitz, nahe dem Moorsee, ein NaturKulturhaus errichtet.