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2021


imzwischenseinConstanze Schüttoff | Datenwolke, gestrandet | Detail

Constanze Schüttoff

prozessuale Rauminstallation

12.04. – 15.05.2021

 

showcase | virtueller Resonanzraum: constanze-schuettoff.de   

Statement

Constanze Schüttoff | lichtung | DetailConstanze Schüttoff | Portrait

„Dem Moment ergeben, suche ich das Verborgene der Orte, ihre Rhythmen und Strukturen, das Bewegen im Sein zu ergründen und in subtil erfahrbaren Raum zu wandeln.“

„Dieses imzwischensein füllt nicht nur einen Zeitabschnitt in diesen ungewissen Tagen, ich verstehe es vielmehr als einen Rückzug ins Offene, eine Möglichkeit, mich innerhalb eines begrenzten Raumes frei zu bewegen, mich auf das Vorhandene des Ortes einzulassen, es anzunehmen und zu befragen, zu reagieren und zu interagieren, und dabei selbst einfach zu sein. Entlang eines unsichtbaren Fadens werden aufkeimende, meinen Arbeitsprozess begleitende Fragestellungen und Einsichten aus dem Innen der Galerie zu Ihnen ins Außen gelangen. Sie sind ein Angebot, imzwischensein zu resonieren und eröffnen eine neue gedankliche Ebene – einen Resonanzraum des indirekten, aber freien Begegnens.“              Constanze Schüttoff – April 2021

 

Constanze Schüttoff, 1973 in Dresden geboren, studierte von 2003 bis 2011 Bildhauerei an der Burg Giebichenstein – Kunsthochschule Halle, lebt und arbeitet in Radebeul bei Dresden.

Laudatio

imzwischensein

 

Seit dem 12. April arbeitet die Künstlerin Constanze Schüttoff werktäglich an einer prozessual entstehenden Rauminstallation für die galerie drei.

Die in Radebeul ansässige Dresdnerin erlangte deutschlandweit Bekanntheit mit ihren komplexen skulpturalen Objekten aus Papier und Glas, die sie für architektonische Kontexte oder den öffentlichen (Natur-)Raum konzipiert. So entstanden ihre Arbeiten u.a. für den Andachtsraum des St. Benno Verlages in Leipzig sowie die Botanischen Gärten in Ulm und Dresden. Nahezu einen Monat lang ist sie nun zu Gast in den leeren, soeben renovierten Räumlichkeiten der Dresdner Sezession. Bereits die erste behutsame Annäherung der Künstlerin an den für sie vorerst unvertrauten Ort finden Eingang in die langsam wachsende Arbeit. So wird der Klang der Rhythmik verschiedener Gangarten der Passanten und anderer Umgebungsgeräusche nach wochenlanger, sensibler Wahrnehmung der Künstlerin zum vertrauten, wiedererkennbaren Ablauf alltäglicher Ereignisse und findet letztlich Eingang in die abstrakte Installation der Künstlerin. 

Textile Schnüre unterschiedlicher Qualität dienen Schüttoff, die 2011 ihr Studium für Bildhauerei an der Hallenser Kunsthochschule Burg Giebichenstein absolvierte, als Ausgangsmaterial für ihre Rauminstallation. Sie wählt den Eingangsbereich der Galerie für ihr Projekt, das vier Meter hohe, ca. fünfzehn Quadratmeter große Entree, von welchem eine Treppe in den unteren Ausstellungsbereich abzweigt, während eine weitere zur oberen Galerie und den Büroräumen der Dresdner Sezession führt. Überdies ist der Raum durch zwei große Schaufensterflächen und eine Tür mit Oberlichtern in den Außenraum geöffnet. Ideal für wechselnden Lichteinfall und zugleich prädestiniert für Betrachtungen aus dem Außen in das Galerieinnere. Die Schau ist gewissermaßen als interaktive Schaufensterausstellung konzipiert. Die Künstlerin gibt bereitwillig Zuschauern und Interessierten außerhalb der Galerie, Einblick in ihren sich täglich entwickelnden Werkprozess. Zudem hat sie ein interaktives Dialogfeld auf ihrer Website eingerichtet. Hier stellt sie tagtäglich eine Frage, die ihren Werkprozess flankiert und den wohlwollenden Beobachter anregen mag in seinen Antworten über eigene Wahrnehmungsmuster, Raumerfahrung und Zeitempfinden zu reflektieren. Die Fragen entspringen jahrelanger Beschäftigung der Künstlerin mit diesen Themen und sind Teil der Werkgenese. Denn Schüttoff versteht es sehr wohl ihr künstlerisches Schaffen auch verbal zu kommunizieren, es entstehen Gedichte, essayistische Texte, die ihr jeweiliges Projekt begleiten und als autonome künstlerische Äußerungen gelesen werden können. Für die Rauminstallation in der galerie drei hat sie zunächst mit einer Art Versuchsaufbau begonnen. Am Boden des Raumes lagert eine Spule mit teils abgerollter weißer Schnur, ein Teil der Schnur, liegt in Bündelungen in emaillierten Schalen, die wiederum mit Flüssigkeit befüllt sind. Gefolgt wird diese Anordnung von einem Glasballon, dessen Boden mit milchiger Flüssigkeit bedeckt ist, ein Messzylinder aus Glas und eine grobe Handbürste aus Holz sowie ein Handtuch vervollständigen die in einer horizontalen Reihe geordneten Gegenstände. Schüttoff zelebriert den Reinigungsprozess ihrer bereits für vorangegangene Installationen verwendeten und daher verschmutzten Schnüre und Fäden. Mit Chlor und Wasser säubert sie die synthetischen Fasern, für alle Interessierten sichtbar, auf dem Boden der Galerieraums. Die anfangs feuchten Fäden und Schnüre arrangiert die Künstlerin unterhalb der Decke des Galerie-Entrees an einer bereits vorhandenen Metallaufhängung und über den Verkleidungen des Beleuchtungssystems. Lange Doppelschlaufen drängen in dichten Gruppen herab. Genauer gesagt handelt es sich um eine einzige, kräftige schlauchförmige Schnur von zwanzig bis vierzig Metern Länge, die wie der Faden der Ariadne von einer einzigen Spule gerollt und ohne von dieser getrennt zu werden, arrangiert wird. Die Spule selbst steht in der Mitte des Raumes und enthält über zweihundert Meter Garn für weitere Formationen. Betrachtet man die Installation über das Schaufenster der Sebnitzer Straße, so lässt sich die von der Raumdecke organisierte Verspannung der Schnur genauer differenzieren. An einer bereits existierenden trapezförmigen Metallverbindung und weiteren davon abweichenden Haken, die jeweils in der Decke des Raumes verankert wurden, arrangiert die Künstlerin in horizontalen Achsen, Bündelungen unterschiedlich langer Schlaufen, die teils in schmalen, geraden, der Schwerkraft gehorchenden Bahnen herab hängen und mitunter fast den Boden berühren. Bisweilen werden sie von kürzeren, gedrungenen Schlaufenformationen überlagert. Es lassen sich vier dominantere Schurkonstellationen mit dazwischenliegenden Leerräumen erkennen, die in der Mitte durch eine weitere Reihe von Querverbindungen unterbrochen werden. Zudem sorgen die asymmetrisch in der Decke eingelassenen Haken für Kreuzverspannungen und Knotenpunkte des Fadens. Wie eine grafische Struktur durchwebt die oftmals in ihrer Eigenheit belassenen Schnur den Raum, dreht sich um die eigene Achse, bildet als Schlaufe Tropfenformen und Ellipsen aus. Schüttoff gelingt es dominante Schlingen zu kreieren, die von weniger auffälligen Verspannungen begleitet werden. Ihre Komposition scheint mitunter musikalischen Prinzipien zu folgen, wie eine Melodiestimme, die von Akkorden begleitet wird, wechselt die Rhythmik der Fäden innerhalb einer Achse, ohne jedoch ein Wirrwarr, eine Dissonanz hervorzurufen. Seit 2011 arbeitet Constanze Schüttoff mit textilen Fäden unterschiedlicher Materialität. Bislang integrierte sie diese in aufwendigen, raumgreifenden Installationen, wie zuletzt 2018 für das Windkunstfestival südwestlich von Kassel. Ihre “Datenwolke, gestrandet” besteht aus tausenden von PET-Flaschen, gefüllt mit geschreddertem Aktenmaterial, die auf Schnüre gefädelt von einer offenen Dachkonstruktion als spiralförmiger Raum herabfließen. Diese 2019 auch in Großenhain gezeigte Installation, nutzte die Künstlerin gemeinsam mit Musikern für Klangexperimente. Die einzigartige Akustik des Kunstwerks offenbarte sich in den äußerst geringen Raumresonanzen, die die Spieltechnik eines jeden Musikers und somit den Klang des gespielten Instrumentes auf ungewöhnliche Weise hörbar werden lassen.

Das Besondere der prozessualen Rauminstallation Schüttoffs für die Räume der galerie drei bildet nicht allein die Transparenz des Werkprozesses, sondern überdies das in den Abendstunden veränderte Erscheinungsbild der Arbeit. Sobald es dunkel wird, ist der Raum mit Schwarzlicht erfüllt und die Komposition des weißen Geflechts beginnt in Blautönen zu leuchten.

Seit ihrer Diplomierung arbeitet Constanze Schüttoff verstärkt mit dem Sujet der Reihung und der phänomenologischen Analyse des Raumes. Sie setzt sich u.a. mit Theorien August Schmarsows auseinander, der erstmals Ende des 19. Jahrhunderts den Terminus des Raumes für die Kunstgeschichte thematisiert. Für ihn entwickelt sich ein Raum aufgrund der Dynamik der Wahrnehmung, bestimmt durch Ortswechsel und Bewegung eines Subjektes. Auch für Schüttoff steht der Mensch und seine Erfahrung des Raumes im Vordergrund. In ihrer Installation, die sich aus bewusst gestalteter Leere und rhythmisierenden Geflechten weißer Fadenschwünge in dominanten und begleitenden Formationen entwickelt, mögen Assoziationen zu minimalistischen musikalischen Kompositionen eine visuelle Entsprechung erfahren. Die Installation „imzwischensein“ wandelt sich fortwährend, zusätzliche Fadenkonstellationen in Verbindung mit Papieren sind geplant, in denen die Künstlerin ihre Interaktion mit dem Publikum verarbeiten wird. Neue Betrachter und Resonanzen sind weiterhin willkommen.

Katharina Arlt